Autoimmunerkrankungen - Ursachen, Symptome und moderne Therapieansätze
- Nikolas Roggenbauer
- 5. Aug. 2025
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 12. Aug. 2025

Was sind Autoimmunerkrankungen? Ursachen, Symptome und moderne Therapieansätze
Autoimmunerkrankungen zählen zu den komplexesten und gleichzeitig am wenigsten verstandenen Krankheitsbildern unserer Zeit. Weltweit sind Millionen von Menschen betroffen – darunter häufig Frauen im jungen bis mittleren Alter. Aber was passiert bei einer Autoimmunerkrankung eigentlich genau im Körper? Welche Ursachen sind bekannt, und welche Therapiemöglichkeiten gibt es heute?
Was passiert bei einer Autoimmunerkrankung?
Bei einer Autoimmunerkrankung richtet sich das Immunsystem – das normalerweise Viren, Bakterien oder Krebszellen bekämpft – fälschlicherweise gegen körpereigenes Gewebe. Es erkennt bestimmte Zellen oder Strukturen des eigenen Körpers als „fremd“ und löst eine Entzündungsreaktion aus.
Je nach Erkrankung kann das Immunsystem unterschiedliche Organe oder Gewebe angreifen:
Bei Typ-1-Diabetes: Zerstörung der insulinproduzierenden Betazellen in der Bauchspeicheldrüse.
Bei Multipler Sklerose (MS): Angriff auf die Myelinscheiden im zentralen Nervensystem.
Bei rheumatoider Arthritis: Entzündung und Zerstörung von Gelenken.
Bei Lupus erythematodes (SLE): Systemischer Angriff auf Haut, Nieren, Gelenke und andere Organe.
Mögliche Ursachen: Warum greift der Körper sich selbst an?
Die genauen Ursachen sind noch nicht vollständig verstanden, aber es gibt einige Risikofaktoren, die in Studien wiederholt identifiziert wurden:
Genetik: Viele Autoimmunerkrankungen haben eine familiäre Häufung. Bestimmte HLA-Gene (z. B. HLA-DR3, HLA-DR4) sind mit einem erhöhten Risiko verbunden.
Umweltfaktoren: Infektionen (z. B. Epstein-Barr-Virus bei MS oder Lupus), UV-Strahlung, Zigarettenrauch und Umweltgifte können als Trigger wirken.
Geschlecht und Hormone: Frauen sind etwa dreimal häufiger betroffen als Männer – möglicherweise aufgrund hormoneller Unterschiede und der Wirkung von Östrogenen auf das Immunsystem.
Darmmikrobiom: Neuere Forschungen zeigen, dass ein Ungleichgewicht der Darmflora (Dysbiose) mit der Entstehung von Autoimmunerkrankungen zusammenhängt.
Evidenzlage: Eine große Metaanalyse aus Nature Reviews Immunology (2020) unterstreicht die Rolle von Umweltfaktoren in Verbindung mit genetischer Prädisposition als Hauptursache für Autoimmunprozesse.
Symptome: Vielseitig und oft unspezifisch
Autoimmunerkrankungen zeigen sich häufig schleichend und mit sehr unterschiedlichen Symptomen – je nach betroffenem Organ. Häufige allgemeine Beschwerden sind:
Chronische Müdigkeit
Gelenk- oder Muskelschmerzen
Hautveränderungen
Konzentrationsstörungen („Brain Fog“)
Fieber unklarer Herkunft
Die Diagnose gestaltet sich oft schwierig, da viele Symptome auch bei anderen Krankheiten auftreten können. Laborwerte wie Autoantikörper (z. B. ANA, Rheumafaktor, TPO-Antikörper) und bildgebende Verfahren sind daher entscheidend.
Behandlung: Von Immunsuppressiva bis hin zu personalisierter Medizin
Die Therapie richtet sich nach Art und Schwere der Erkrankung. In den letzten Jahren haben sich die Behandlungsmöglichkeiten stark verbessert:
Immunsuppressiva wie Cortison, Methotrexat oder Azathioprin unterdrücken die überschießende Immunreaktion.
Biologika wie TNF-α-Hemmer (z. B. Infliximab, Adalimumab) greifen gezielt in Entzündungsprozesse ein.
JAK-Inhibitoren sind neuere Medikamente, die bestimmte Signalwege in Immunzellen blockieren.
Ernährung und Lebensstil: Entzündungshemmende Ernährung (z. B. Mittelmeerkost), Stressmanagement, ausreichend Schlaf und Bewegung haben in Studien positive Effekte gezeigt.
Personalisierte Medizin: Fortschritte in der Genetik und Biomarkerforschung ermöglichen zunehmend individuell zugeschnittene Therapien.
Wichtig: Eine frühe Diagnose und der interdisziplinäre Austausch zwischen Rheumatologinnen, Neurologinnen und Immunolog*innen verbessern die Prognose erheblich.
Kurz zusammengefasst:
Autoimmunerkrankungen sind keine seltenen oder rein psychisch bedingten Erkrankungen – sondern ernstzunehmende chronische Krankheiten mit oft systemischer Wirkung. Dank moderner Diagnostik und zielgerichteter Therapien ist heute jedoch in vielen Fällen ein gutes Krankheitsmanagement möglich. Forschung und klinische Praxis bewegen sich zunehmend in Richtung einer ganzheitlichen und personalisierten Behandlung – mit dem Ziel, nicht nur Symptome zu lindern, sondern Krankheitsverläufe langfristig zu beeinflussen.
Quellen (Auswahl):
Rose, N.R., Mackay, I.R. (2020). The Autoimmune Diseases. Academic Press.
Marrack, P., Kappler, J. (2020). Autoimmunity: Why and How. Nature Reviews Immunology, 20(6), 353–365.
NIH National Institute of Allergy and Infectious Diseases: Autoimmune Diseases Overview.
(neue Erkenntnisse der MeduniWien)
· Wenn das Immunsystem aufgrund einer Fehlsteuerung körpereigene Strukturen angreift, können Autoimmunerkrankungen ausgelöst werden. Diese sind zwar bis heute nicht heilbar, können aber mit Hilfe therapeutischer Maßnahmen in ihrem Fortschreiten gebremst werden.
· Das Immunsystem schützt den Körper vor Infektionen aller Art und ist so konzipiert, dass es zwischen fremden Bedrohungen und körpereigenen Geweben unterscheiden kann. Wichtige Bestandteile des Immunsystems sind die T-Zellen, die auf Kommando anderer Immunzellen, der Dendritischen Zellen, in Aktion treten. Die Dendritischen Zellen aktivieren die T-Zellen nicht nur zum Einsatz, sie können auch Inaktivität anordnen – vor allem wenn es um körpereigene Gewebe geht, die nicht angegriffen werden sollen. In diesem Immuntoleranz genannten Mechanismus liegt der Schlüssel bereits bestehender Therapien bei Autoimmunerkrankungen. Mit Hilfe bestimmter pharmazeutischer Wirkstoffe (JAK-Inhibitoren) wird die Immuntoleranz der Immunzellen gefördert. Dadurch soll die Aktivität der T-Zellen gegen Körperstrukturen gehemmt werden, um ein Fortschreiten der Autoimmunerkrankung zu bremsen.
· JAK-Inhibitoren werden für die Behandlung von verschiedenen Autoimmunerkrankungen wie z. B. Rheumatoide Arthritis eigesetzt. Die Wirkung der Inhibitoren – und zwar auf alle Immunzellen gleichzeitig – wurde in mehreren Studien bewiesen. Wie sie speziell auf Dendritische Zellen wirken und welche Rolle die Immuntoleranz insbesondere der T-Zellen (periphere T-Zell-Tolerogenese) in Zusammenhang mit Autoimmunerkrankungen spielt, hat nun ein Forschungsteam um Gernot Schabbauer und Omar Sharif vom Institut für Gefäßbiologie und Thromboseforschung am Zentrum für Physiologie und Pharmakologie der MedUni Wien erforscht.
Zielgerichtete zell-basierte Therapie
In Zusammenarbeit mit WissenschafterInnen am Christian Doppler Labor für Argininmetabolismus in Rheumatoider Arthritis und Multipler Sklerosis der MedUni Wien und der St. Anna Kinderkrebsforschung entdeckten sie einen zentralen Baustein in Immunzellen, der bei Autoimmunerkrankungen relevant ist. „Es handelt sich dabei um den Signalweg in Dendritischen Zellen, der die T-Zell-Tolerogenese fördert. Dieser ermöglicht es den Dendritischen Zellen also, die Immuntoleranz speziell der T-Zellen zu boostern und sie daran zu hindern, körpereigene Strukturen anzugreifen“, verdeutlicht die Erstautorin der Studie Andrea Vogel vom Institut für Gefäßbiologie und Thromboseforschung der MedUni Wien.
Mit den Ergebnissen leisten die ForscherInnen einen Beitrag zu einem möglichen neuen zell-basierten Therapieansatz bei Autoimmunerkrankungen: Dabei soll gezielt auf den Signalweg in den Dendritischen Zellen eingewirkt werden, um die fehlgesteuerten T-Zellen „abzuschalten“ und ein Fortschreiten der Autoimmunerkrankung einzudämmen. Weitere Forschungen dazu werden folgen, betont Andrea Vogel: „Als nächstes wollen wir untersuchen, ob dieser Signalweg in den Dendritischen Zellen auch bei Krebs eine Rolle spielt.“
Service: Cell Reports
JAK1 signaling in dendritic cells promotes peripheral tolerance in autoimmunity through PD-L1 mediated regulatory T-cell inductionAndrea Vogel, Katharina Martin, Klara Soukup, Angela Halfmann, Martina Kerndl, Julia S. Brunner, Melanie Hofmann, Laura Oberbichler, Ana Korosec, Mario Kuttke, Hannes Datler, Markus Kieler, Laszlo Musiejovsky, Alexander Dohnal, Omar Sharif, Gernot SchabbauerDoi: 10.1016/j.celrep.2022.110420 https://www.cell.com/cell-reports/fulltext/S2211-1247(22)00144-9


