Stottern - eine Erkrankung?
- PatientInnenportal

- 30. Nov. 2025
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Stottern ist eine Redeflussstörung, die sich durch unwillkürliche Unterbrechungen des Sprechens äußert, beispielsweise in Form von Laut- oder Silbenwiederholungen, Dehnungen oder Blockierungen. Diese Symptome treten typischerweise in Situationen auf, die für die betroffene Person mit Anspannung oder sozialem Druck verbunden sind, können aber auch spontan und ohne erkennbaren Auslöser entstehen. Stottern beginnt meist im frühen Kindesalter, häufig zwischen dem zweiten und fünften Lebensjahr, und betrifft etwa fünf Prozent aller Kinder. In den meisten Fällen verschwindet es bis zur Pubertät, bei etwa einem Prozent der Bevölkerung bleibt es jedoch dauerhaft bestehen. Männer sind etwa viermal häufiger betroffen als Frauen.
Ob Stottern als Erkrankung bezeichnet werden kann, hängt davon ab, aus welcher Perspektive man es betrachtet – medizinisch, sprachwissenschaftlich oder gesellschaftlich.
Im engeren medizinischen Sinn wird Stottern häufig als „Redeflussstörung“ oder „Sprechstörung“ klassifiziert, also als eine funktionelle Beeinträchtigung der mündlichen Kommunikation. In der Internationalen Klassifikation der Krankheiten (ICD-11) der Weltgesundheitsorganisation wird es unter der Bezeichnung „Developmental Stuttering“ (6A01) geführt. Diese Einordnung bedeutet, dass Stottern eine behandlungsbedürftige Kommunikationsstörung sein kann – nicht aber, dass es eine Krankheit im Sinne einer körperlichen oder psychischen Erkrankung ist.
Wissenschaftlich gesehen handelt es sich beim Stottern um eine neurobiologisch bedingte Variation der Sprachverarbeitung, bei der die zeitliche Koordination zwischen Planung, Sprachproduktion und Bewegungssteuerung des Sprechens gestört ist. Diese Unterschiede in der neuronalen Aktivität sind angeboren oder früh erworben und führen dazu, dass der Redefluss unregelmäßig wird. Stottern ist also keine Folge mangelnder Intelligenz, psychischer Schwäche oder emotionaler Belastung – auch wenn solche Faktoren den Schweregrad beeinflussen können.
Für viele Fachleute gilt Stottern daher nicht als Krankheit, sondern als kommunikative Beeinträchtigung mit neurophysiologischer Grundlage. Diese kann je nach Ausprägung und sozialer Belastung als „Störung“ betrachtet werden, insbesondere wenn sie das alltägliche Sprechen und die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben einschränkt. Der Begriff „Erkrankung“ wird im therapeutischen Kontext meist vermieden, da er Stigmatisierung fördern und den Eindruck erwecken könnte, Betroffene seien „krank“ oder müssten „geheilt“ werden.
Vielmehr wird heute ein inkludierender und akzeptanzorientierter Ansatz betont: Stottern ist Teil der menschlichen Sprachvielfalt. Menschen, die stottern, brauchen nicht in erster Linie eine „Heilung“, sondern Unterstützung, um flüssiger, selbstsicherer und angstfreier kommunizieren zu können – und ein Umfeld, das sie nicht aufgrund ihres Sprechens bewertet.
Ursachen:
Die Ursachen des Stotterns sind multifaktoriell. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass genetische Faktoren eine wesentliche Rolle spielen. Zwillings- und Familienstudien belegen eine erhöhte Wahrscheinlichkeit für das Auftreten von Stottern bei Verwandten ersten Grades. Neben genetischen Einflüssen tragen neurophysiologische Besonderheiten zur Entstehung bei. Bildgebende Verfahren wie funktionelle Magnetresonanztomographie haben gezeigt, dass bei stotternden Personen Unterschiede in der Aktivität und Konnektivität sprachrelevanter Hirnareale bestehen, insbesondere in den Regionen, die für Sprachplanung und motorische Kontrolle verantwortlich sind. Diese Abweichungen betreffen häufig die linke Hemisphäre, was zu kompensatorischen Aktivierungen in der rechten Hemisphäre führen kann. Psychosoziale Faktoren gelten nicht als primäre Ursache, können aber das Ausmaß und die Häufigkeit der Symptome beeinflussen, etwa durch erhöhte Selbstaufmerksamkeit, Angst oder Stress.
Therapie:
Therapeutisch hat sich eine Kombination aus verhaltenstherapeutischen, sprechtechnischen und psychosozialen Ansätzen als wirksam erwiesen. Evidenzbasierte Therapien wie die Lidcombe-Methode für Kinder und Programme wie „Fluency Shaping“ oder „Stottermodifikation“ für Jugendliche und Erwachsene zielen darauf ab, den Sprechfluss zu verbessern, die Sprechangst zu reduzieren und den Umgang mit dem Stottern zu erleichtern. Studien zeigen, dass frühe Interventionen die besten Erfolgsaussichten bieten. Für Erwachsene kann eine intensive, individuell angepasste Therapie die Sprechflüssigkeit deutlich verbessern, auch wenn eine vollständige Symptomfreiheit selten erreicht wird. Wichtig ist, dass das Ziel der Behandlung nicht ausschließlich in einem „flüssigen“ Sprechen besteht, sondern auch in der Akzeptanz des eigenen Sprechens und der Stärkung der kommunikativen Selbstsicherheit.
Stotternden Menschen kann auf vielfältige Weise geholfen werden – durch therapeutische Maßnahmen, unterstützendes Verhalten im sozialen Umfeld und gesellschaftliche Aufklärung. Entscheidend ist, dass Hilfe nicht nur auf die Beseitigung der Symptome zielt, sondern auch auf die Förderung von Selbstakzeptanz, Kommunikationssicherheit und sozialer Teilhabe.
Die wirksamste Unterstützung erfolgt in der Regel durch spezialisierte Sprachtherapie. Evidenzbasierte Ansätze wie die Lidcombe-Methode bei Kindern oder Programme wie Fluency Shaping und Stottermodifikation bei Jugendlichen und Erwachsenen gelten als besonders effektiv. Während Fluency-Shaping-Techniken darauf abzielen, neue Sprechmuster zu erlernen, die das Stottern reduzieren, konzentriert sich die Stottermodifikation auf den bewussten und weniger belastenden Umgang mit Stotterereignissen. Diese Verfahren werden meist von Logopädinnen und Logopäden mit spezieller Zusatzausbildung vermittelt. Frühzeitige Behandlung – idealerweise schon im Kindesalter – verbessert nachweislich die Chancen auf langfristige Besserung.
Neben der therapeutischen Arbeit spielt das soziale Umfeld eine zentrale Rolle. Eltern, Lehrkräfte und Bezugspersonen können helfen, indem sie ruhig zuhören, den Redefluss nicht unterbrechen und keine Ratschläge wie „Atme tief durch“ oder „Sprich langsamer“ geben, da solche Hinweise oft zusätzlichen Druck erzeugen. Eine akzeptierende und geduldige Haltung signalisiert Sicherheit und senkt die Sprechangst. In der Schule kann eine offene Kommunikation über das Stottern dazu beitragen, dass Mitschülerinnen und Mitschüler Verständnis entwickeln und Hänseleien vermieden werden. Auch Lehrerinnen und Lehrer sollten über die Besonderheiten von Stottern informiert sein, um Betroffene nicht ungewollt in stressauslösende Situationen zu bringen, etwa durch plötzliche mündliche Abfragen.
Psychologische Begleitung kann ebenfalls hilfreich sein, vor allem wenn das Stottern mit sozialer Angst oder geringem Selbstwertgefühl verbunden ist. Verfahren der kognitiven Verhaltenstherapie können dabei unterstützen, negative Denkmuster zu verändern und Selbstsicherheit im Umgang mit dem eigenen Sprechen aufzubauen. In Selbsthilfegruppen finden viele Betroffene zudem Verständnis, Austausch und Ermutigung, was einen positiven Einfluss auf das emotionale Wohlbefinden haben kann.
Schließlich spielt auch die gesellschaftliche Haltung eine wesentliche Rolle. Aufklärung über Stottern, etwa durch Medien, Bildungseinrichtungen und Organisationen wie die Bundesvereinigung Stottern & Selbsthilfe e.V., trägt dazu bei, Vorurteile abzubauen und Akzeptanz zu fördern. Ein Umfeld, das sprachliche Vielfalt respektiert und Menschen unabhängig von ihrem Redefluss wertschätzt, kann entscheidend dazu beitragen, dass Stotternde selbstbewusst kommunizieren und ihre sprachlichen Fähigkeiten entfalten können.
Insgesamt zeigt die Forschung, dass eine Kombination aus frühzeitiger, individuell abgestimmter Therapie, psychosozialer Unterstützung und gesellschaftlicher Akzeptanz die besten Voraussetzungen schafft, damit stotternde Menschen erfolgreich und selbstbewusst mit ihrer Sprechweise umgehen können.
In Österreich gibt es verschiedene Anlaufstellen, wenn Sie von Stottern betroffen sind — ein sinnvoller Einstieg ist eine spezialisierte logopädische oder phoniatrische Therapie- bzw. Beratungsstelle.
Kurz zusammengefasst:
Stottern stellt keine psychische Schwäche, sondern eine neurobiologische Variabilität der Sprachproduktion dar. Ein offener, informierter Umgang in Gesellschaft und Bildungssystem kann entscheidend dazu beitragen, die Belastung der Betroffenen zu verringern. Evidenzbasierte Therapieansätze und die Entstigmatisierung der Störung sind zentrale Voraussetzungen für eine nachhaltige Verbesserung der Lebensqualität stotternder Menschen.
Deutschsprachige Studien zum Thema Stottern:
Stottern bei Kindern und Jugendlichen: Bausteine einer mehrdimensionalen Therapie – C. Ochsenkühn (2005).
Der Einfluss von Alter, Geschlecht, Symptomatologie … auf den Verlauf des kindlichen Stotterns – H. S. Johannsen (2001).
Die Kasseler Stottertherapie (KST). Ergebnisse einer computer‑gestützten Biofeedbacktherapie für Erwachsene – H. A. Euler & A. Wolff von Gudenberg (2000).
Prevalence and Therapy Rates for Stuttering, Cluttering and Developmental Speech and Language Disorders in Germany – M. Sommer et al. (2021).
Therapie des Stotterns – S. Kuckenberg & H. Zückner (2015).
Publikationen aus der Datenbank National Library of Medicine/National Center for Biotechnology Information (PubMed) zum Thema Stottern:
Ingham RJ, Ingham JC, Euler HA, Neumann K. Stuttering: Understanding and Treating a Common Disability. PubMed PMID: 31674746. PubMed
Sommer M, et al. Prevalence and Therapy Rates for Stuttering, Cluttering and Developmental Speech and Language Disorders in Germany. PubMed PMID: 33912020. PubMed
Neumann K, et al. The Pathogenesis, Assessment and Treatment of Speech Disfluency (Stuttering). PMC article (via PubMed) PMID: 28580190 (via PMC). PMC
Kohmäscher A, et al. Effectiveness of Stuttering Modification Treatment in School-Age Children. PubMed PMID: 37801699. PubMed
Euler HA. The effectiveness of stuttering treatments in Germany. PubMed PMID: 24759189. PubMed
PubMed entry: A systematic review of interventions for adults who stutter. PubMed PMID: 32438123. PubMed
PubMed entry: What causes stuttering? PubMed PMID: 14966540. PubMed
PubMed entry: Stuttering as a spectrum disorder: a hypothesis. PubMed PMID: 38020803. PubMed
PubMed entry: Stuttering identification: standard definition and moment of stuttering. PubMed PMID: 7253630. PubMed
PubMed entry: Perception of Stuttering in Individuals With Stuttering. PubMed PMID: 36742901. PubMed


